
Die Lebensraum Tirol Gruppe und der Bruch
Verschiedene Kunstwerke aus meinem Portfolio sollten der Auftaktveranstaltung kultur.forum.RUPTUR den Rahmen geben. Hierzu einige Eindrücke von der Veranstaltung und Gedanken, denen ich beim Thema Brüche und Umbrüche in meinen Kunstwerken Ausdruck verleihen will.
Wenn die Lebensraum Tirol Gruppe zu einem Symposium mit dem Titel „Ruptur“ ins Salzlager in Hall einlädt, wird deutlich, dass das Thema Disruption und Veränderung kein akademisches Thema mehr ist, sondern eine konkrete Herausforderung für alle Kulturschaffende und Menschen aus der Wirtschaft und Politik darstellt.
Die Veranstaltung gab Künstlern wie mir die Chance, die künstlerische Auseinandersetzung mit Umbrüchen und Rupturen zu zeigen und zu erläutern. Herzlichen Dank dafür!
Die Präsentation der Wand-Skulptur "Der Bruch" auf dem Podium lieferte für alle Mitwirkende, darunter Landeshauptmann Anton Mattle, die Versinnbildlichung des Mottos "Ruptur". Die Skulptur entstand in einer Zeit in der unser Glaube an ewiges Wachstum und Wohlstand zu brökeln begann: 2008 war das Jahr der Lehman-Pleite und der dramatische Höhepunkte der Finanzkrise.
Wie das Kunstwerk entstand: "Der Bruch" und seine Geschichte
Ich las damals das 1992 puplizierte Buch "Das Ende der Geschichte" von Francis Fukoyama, in dem er den Sieg des liberal- kapitalistischen Systems postulierte. Ab jetzt würden wie in einer friedlichen Welt des Konsums, der offenen Märkte und einer sich weiter liberal entwickelnden Gesellschaft leben. So die These. Die Aussage war sehr sexy und sie wurde zum Leitgefühl einer Dekade.
Natürlich gab es zu dieser Zeit auch viele widersprechende Aussagen, die z.B. auf die vielen Fehlkonstruktionen der EU hinwiesen, oder die Notwendigkeit der Verständigung auf Augenhöhe mit den afrikanischen Ländern. Im Siegestaumel und Überlegenheitsgefühl gegenüber dem kommunischtischen Klassenfeind gingen diese Stimmen aber unter. Als 2008 dann eine weltweite Wirtschaftskrise durch das entfesselte Finanzsystem ausgelöst wurde, erodierte dieses Vertrauen. Nach einer Pandemie und dem Überfall auf die Ukraine glauben nur mehr wenige daran, dass das liberal-kapitalistische System uns in eine glückliche(re) Zukunft führen wird. Aus Mangel an Visionen und Alternativen konsumieren viele einfach weiter, auf Teufel komm raus. Angesichts all der Herausforderungen kann ich diesen Fatalismus auch verstehen. Als ich damals die Inspiration für dieses Objekt (Titel: Der Bruch) hatte, war da kein Gefühl von Furcht oder Trauer über das Zerbrochene. Ich fand es interessant und auch heilsam, dass durch diesen Bruch eine Struktur offen gelegt wurde. Solche Momente ermöglichen uns etwas neu betrachten, das davor als gegeben abgespeichert war. Dieser befreite Blick kann in den Bruchstücken der Vergangenheit, Bausteine der Zukunft finden.
Bruchstücke der Vergangenheit sind Bausteine der Zukunft
Wenn es um Bruch und das zerbrechen geht, geht es auch um Dualität: Etwas ist dann gut, wenn es ganz ist und dann schlecht, wenn es gebrochen ist. Bäume werden in Tirol vielleicht 400 Jahre alt. Wenn man sie nicht fällt und Hackschnitzel daraus macht, sterben sie irgendwann langsam ab. Doch damit beginnt ein zweites Leben: Zuerst werden Insekten einziehen und Pilze mit bringen, zusammen werden sie die Struktur abbauen und irgenwann wird der Baum umfallen. Am Boden geht die Besiedelung erst richtig los und eine Tausendschaft aus Bodenlebewesen, Insekten, Pilzen und Pflanzen wird sich davon ernähren und damit zum Erhalt der gesamten Umgebung beitragen. Bis der Baum dann wieder zu Humus geworden ist, hat er eine Millionen- Schaft von Lebewesen beherbergt und ernährt. Dann stellt sich die Frage: Ist das Absterben ein Grund zur Trauer, oder ein Grund zur Hoffnung? Kommt der Tod, wenn etwas vergeht, oder entsteht hier der Nährboden für etwas Neues?
Das Tun von Politikern, der Wirtschaft und selbstverständlich auch der Kreativwirtschaft zielt in der Regel darauf ab, in irgendeiner Weise einen monetären Mehrwert zu kreieren. Das ist auch gar nicht zu verurteilen. Wir haben die Vertreter ja auch gewählt und in unserem kapitalistischen System denken wir ja auch ganz selbstverständlich an Wertschöpfung, also einer Monetarisierung von am liebsten kostenfreien Rohstoffen wie Wasser, menschliche Zuwendung, oder eben auch Kreativität. Wenn dieses Denken durch Umbrüche allerdings so stark gestört wird , die Brüche irgendwann so tief gehen, stellt sich vermutlich irgendwann auch die Systemfrage. Unser patriachales System. Könnte sich dahinter eine nachhaltigere und positive Entwicklung für alle verbergen?
(C) Ringler
Das Fundstück und seine Geschichte
Der Ausgang des Vomper Lochs liefert den Fundort für das Material von "Der Bruch". Hinter diesem Bachabschnitt, zwischen einer Wasserfassung und dem Kraftwerk am Ende des Tals, liegt das riesige, extrem schroffe Karwendel. Bei Niederschlägen kommt von dort sehr viel Wasser. Seine Auswirkungen sind riesige Geschiebebewegungen, durch die das Bachbett ständig verändert wird, von der Kiesbank bis zu Garagen großen Felsbrocken. Dementsprechend werden auch menschliche Bauwerke immer wieder beschädigt und zerlegt. Ein Ort also an dem extreme Energien wirken.
Die Hauptkomponenten der Skulptur, damals noch eine dicke Eisenplatte, war wohl einmal Teil einer Wasserfassung. Bei einem Starkregen Ereignis muss der ganze Teil des Bauwerkes zerstört worden sein und die Platte wurde ins Bachbett gespült. Dort muss es ich verklemmt haben und lange so geblieben sein. In dieser Zeit wurde sie von riesigen Steinen bearbeitet, die Verformungen und Risse erzeugt haben, die so mit Maschinen nicht machbar wären. Schlussendlich wurde das Blech (so wird Metall genannt, auch wenn es wie hier, einen halben Zentimeter stark ist) so abgekantet, dass es brach. So habe ich die beiden Teile auch dort gefunden. Einer dieser Glücksmomente.
Für mich sind solche Gegenstände Träger von Geschichten, die in ihre Gestalt eingeschrieben wurden. Falten machen alte Gesichter wahr. Sie sind Zeugen des Lebens eines Menschen. Die Schrammen, Risse und Verwüstungen meiner Materialien sehe ich als Spuren ihres da- seins und ihrer Einzigartigkeit. Das macht sie für mich wertvoll.
Die Form: Schönheit des Unvollkommenen
Ich befasse mich schon lange mit japanischer Philosophie. Beim Bruch spielen Wabi- Sabi und Ikebana eine Rolle:
Im Wabi Sabi geht es um die Schönheit im Unvollkommenen und in den Spuren des Alterns. Hier wird eine mögliche Verletzung nicht als Makel gesehen, sondern als Möglichkeit der Einsicht und
Erkenntnis. Im Ikebana geht es darum, Ding bewusst zu arrangieren, so dass sie ihren eigenen Raum haben und die Dinge ihres Umfeldes so unterstützen, dass die höchste Möglichkeit für alle möglich
wird. Hier wird nicht Fülle, sondern Befreiung angestrebt.
Die beiden Platten werden von einem Stahlseil miteinander verbunden, wobei sich zweimal zwei Rechtecke ergeben, die im Verhältnis zueinander stehen. Die Haselruten schweben darüber und zeichnen wie Vektoren die Kraftlinien nach. Eine der drei Ruten ist in zwei gebrochen. Auch hier gibt es wieder dieses Verhältnis von zwei und zwei.
Im symbolischen Kontext der japanischen Philosophie, haben die Zahlen zwei und drei Bedeutung:
- Zwei steht für die Dualität. Hier ist der Bruch und das Zerbrechen verortet.
- Drei steht für eine universelle Harmonie, die die Bruchstücke und das dazwischen miteinander verbinden kann.
Hier findet die Magie statt, die aus eins und eins- drei machen kann.
Wenn man die gebrochene Haselrute ansieht und von der Bruchstelle weg in die andere Richtung geht, kann man wahrnehmen, dass sich die Vektoren wieder treffen, auch wenn das in einem nicht sichtbaren Bereich passiert.



